sonst, sehr ungenau
Rauminstallation für Videobild und eine Stimme
Leerer Raum. Von irgendwoher eine Stimme. Weder laut noch leise, weder schnell noch langsam.
Die Stimme ist da und fristet ihr umherschweifendes tonales Dasein. Einziger optischer Bezugspunkt in Form eines Videostandbilds an der Wand: Bei dem Motiv könnte es sich um heranziehende Gewitterwolken handeln, oder um eine Welle, die sich an Land bricht.
Ich habe mich
selbst fotografiert,
gestern Abend gegen halb acht,
da war ich
einen Augenblick lang
im Bilde.
Sonst alles sehr
ungenau, hier und da noch
schäumende Kreise vor den Augen,
die Materie bewegt sich wie
Wasserwellen,
sagen wir, es geht den Bach hinunter.
Es braucht ja
Öffnungen, die Zeit
herein zu lassen,
so hatte ich alle Schleusen aufgemacht.
Hier, die Überschwemmungen in meinem Zimmer,
mein Bildnis aufgeweicht oder
nicht mehr aufzufinden,
Tauwetter des
Kopfes,
diese Abblätterungen von der wirklichen Welt...
schlage alle Türen auf, die
Zeit herein zu lassen,
falle ununterbrochen aus dem Rahmen,
aus allen Wolken,
Ja hab ich denn total den Kopf verloren?
Auf den Bergen schmilzt der Schnee,
schmilzt der Schnee...
Hier stehe ich vor einem Rätsel
oder in meinem Leben,
und während ich durch das album blättere
von einer weißen Seite der Welt zur anderen,
versuche ich mich wieder zu erkennen,
bin aber nicht mehr im Bilde.
Da, die schäumenden Kreise vor den Augen
und hier, wie die Welt
von vergänglichen Bestandteilen wimmelt
und von Bestandteilen der Bestandteile
die umeinander wirbeln, und hier,
wie ich erfasst werde von etwas, das mich
herumdreht, nach oben wirft
und wieder versinken lässt.
Springflut
oder Sintflut des Raumes,
schlage die Türen meines Daseins auf
um die Strömung herein zu lassen,
und während ich weiter durch das album blättere
von einer weißen Seite der Welt zur anderen,
steigt mir das Wasser bis zum Hals.
Vielleicht sind die unendlichen Bilder
eine Fortpflanzung des Lebens, ein dauerndes
Verschwinden und Wiedererscheinen
Name kommt ins Besitzlose,
Auge des Kaleidoskops...
Habe meine Vorstellung aus den Augen verloren,
kann mich nicht erinnern, irgendwelche
Vorstellungen gehabt zu haben,
eigentlich will ich auch jeder
Vorstellung zuvorkommen,
mein Verlangen richtet sich ja nicht
auf einen zentrierbaren Ort.
Vielleicht geht mein Leben
den Bach hinunter,
schneller Kurven Wechsel
also Turbulenz
hier und da die
schäumenden Strudel vor den Augen,
die Materie bewegt sich wie
Wasserwellen,
sagen wir, ich bin
in eine Welle
übersetzt.
© Karin Schlechter
Textveröffentlichung in: Y - Revue für Psychoanalyse 2014 : Psychoanalyse des Blicks
Bildende Kunst, Fotografie, Film
Parodos-Verlag Berlin
Herausgegeben von Susanne Müller
Abstract:
Die Installation sonst sehr ungenau ist eine imaginative Arbeit, eine Arbeit der Einbildungskraft.
Eine Sprecherin präsentiert Bilder, Fotos aus ihrem Leben. Es wird nicht klar, ob sie die Bilder für sich allein betrachtet oder einem Publikum zeigt.Ihre Betrachtungen werden jedoch gestört durch etwas lichthaft Verschwommenes, das sie (be)trifft und die imaginäre Selbstspiegelung im Angeschauten aufbricht. Es öffnet sich ihr ein visueller (struktureller) Ort, an dem die Sprecherin weder sehen noch nicht sehen kann (weder aktiv noch passiv), wo sie indifferent wird gegenüber einer klaren oder getrübten Sicht. In dieser Erfahrung nimmt sie die paradoxe Äquivalenz von sehen und angeblickt werden wahr, sie findet sich in der Passage des Bildes wieder.
The installation otherwise rather unprecise (sonst sehr ungenau) is a piece of work dealing with the imagination. A narrator shows pictures, photos of her life. It remains unclear whether she is looking at them all by herself or whether she is presenting them to an audience. She is being disturbed, however, by something luminously blurry which affects her and opens up the imaginative act of self-reflection in being looked at. She enters a visual (structural) space where she neither (actively or passively) can see nor cannot see, where she is indifferent to clear or impaired sight. During this experience she notices the equivalence of looking and being looked at finding herself in the passage of the image.