I.

Sprechen können wir nicht.


Wir haben zerrissene Sätze im Bauch. Unter dem

Zwerchfell der verschluckte Reißwolf.

Die drängenden Fragen hinter dem 

Brustbein 

mit der Gabel zerdrückt.

Sprechen können wir nicht.


unter dem 

Zwerchfell 

der verschluckte Reißwolf die 

drängenden Fragen hinter

dem Brustbein mit dem

Messer

gescheitelt das

Fleisch blutig


geknotet du

öffnest 

den Mund 

mühsam deine Worte 

sind eine Wunde 

im Leib 

doch


sprechen können wir nicht.

Wir haben zerrissene Sätze im Bauch. Unter dem

Zwerchfell der verschluckte Reißwolf.

Die drängenden Fragen hinter dem

Brustbein zerdrückt.




II.

Wie wenn wir

weiter im Text 

und schief

gedehnt die Ränder

wie wenn wir


sprachlos

weiter 

in Schräglage Notlage

wie wenn wir weiter im Text

und schief

gedehnt die Ränder

wie wenn wir sprachlos

in Notlage weiter 



III.

Sie will.

Sie würde gerne wollen.

Sie würde gerne wollen, aber was?

Also geht sie zur Schule.

Sie fragt den Meister:

Was soll ich wollen?

Und - 

was wollen Sie gerne, daß ich will,

damit ich es meinerseits zu wollen vermag?


Sie müsste zunächst s a g e n,

sie müsste beginnen zu sagen,

sich nicht in der Schule einreden lassen, 

daß die Frauen gemacht sind

um zuzuhören,

um zu glauben und nichts zu erfinden.


 

IV.

Eurydike hätte also selber singen sollen,

sie hätte ihren Mund öffnen können,

sie hätte fragen stellen sollen, Fragen des Verlangens,

doch das Verlangen hatte zu fragen verlernt,

oder vielleicht hatte ich einfach ihr Verlangen verloren,

ich hatte meine Worte an Orpheus verloren,

der Eurydike führte, der sie in seinem Mund führte,

der durch ihre Worte geführt wurde,

die ich vergessen hatte.

Mein Schweigen war sein Schreiben oder vielleicht

waren ihre Worte eingegangen in die Schrift, die er schrieb.



Da machte Eurydike eine Bewegung als wolle sie singen,

doch ihre Stimme war so fest verschnürt, sie kannte

diese Not hinter dem Brustbein, die sie dazu trieb, jene Geste

zu wiederholen und ihre Existenz wurde jedes mal 

von Erinnerung überwältigt, als wollte sie als könnte sie

sich ausdehnen in den Raum, als hätte sie die Erlaubnis,

der Sehnsucht nachzugeben.



Wenn Eurydike aber doch verlangen würde...

wenn die Schrift von ihr verlangen würde, geschrieben zu werden,

wenn ich also ihr Verlangen suchen würde, es finden würde

in seinem viel zu kleinen Käfig, der in irgendeiner verwahrlosten

Kellerecke herumstand wo sie ihren vernachlässigten Hunger

ständig übersah, wo sie ihn zu füttern vergaß

seit Jahren Jahrzehnten Jahrhunderten,


wenn ich ihr also ihren viel zu engen Hunger öffnen würde, 

den Orpheus ständig vernachlässigte...


da sprang Eurydike die Kellerstiege hinab in ihr Verlangen und die

Worte warfen sich mit aller Kraft gegen ihre Brust

und die Fragen drängten hervor und

öffneten meinen Mund und

sie fing sie auf und

ihre Hände 

schrieben

sag mir sag mir

ach sag mir 

doch




 V.

 in der brust das

 kreissen das 

 wollen der worte

 gedrückt der 

 druck verrückter

 schreibdruck schreib den

 brustdruck wollen wie

 gären wie

 rucken

 brodeln wie gären will 

 hervor will alles 

 hervor schreib das 

 kreissen schreib

 die hand schreibt 

 weiter das schreien des 

 schreibens den 

 schleim auf- 

 gerissener mund


 und schreien schreiben wie 

 platzen

 die worte so

 jung




VI.

Ich bin aufgestanden.

Ich habe meine Plazenta aufgegessen.


Ich bin mit meiner Erschaffung beschäftigt.

Und das Innere ist weiches, lebendiges Sein,

vergänglich und gefährdet.


Ich bin aufgestanden.

Ich bin an einem Ort gewesen, der noch nicht

über sprechende Gedanken verfügt.

Dieser Ort ist das riesige Ei mit den lauwarmen Eingeweiden.


Ich komme langsam zurück.

Es geht langsam vorbei und ist dann zu Ende.


Ich bin aufgestanden.




VII.

Der Text entsteht immer wieder neu vor meinen 

Augen, ich kann beim besten Willen nicht 

voraussehen, wohin er führt.

Ich kann ihn nicht erfinden.

Ich warte jeden Tag darauf, daß er sich 

meldet und geschrieben werden will.


Ich habe auch noch nicht herausbekommen, 

wodurch der Schreibdrang ausgelöst wird.

Manchmal ist es nur ein Wort,  das ich irgendwo

im Vorübergehen aufschnappe,oder ein 

Geruch, der mich an etwas erinnert,

oder eine Kritzelei, die bei einem längeren Telefonat

entstanden ist und eigentlich nichts bedeutet.

Es hilft, am Anfang die Augen geschlossen

zu halten, damit sich die ersten schüchternen 

Wörter hervorwagen können.

Oder ich halte die Augen geöffnet und lasse 

sie einfach in den Hinterkopf hinabgleiten.

Dann wird mein Blick ganz weiß,wie Papier, 

auf dem noch nichts geschrieben steht.

Die Schrift bewegt sich vorsichtig, setzt tastend

einen Fuß vor den anderen: sie geht auf einem 

schmalen Pfad, blind, poetisch und präzise.

Sie schreibt sich im Zwielicht.

In der Morgen – und Abenddämmerung.

Mäandernd. 

Labyrinthisch.






Karin Schlechter, 2015